Offen für den Lehrer und die Lehre
Acaryopasanam

BHAGAVAD GITA – Kap.13 Vers 7-9 – Werte (Values)

Acaryopasana:

Aacāryopāsana ist ein sehr wichtiger Wert für einen Studenten. Das Wort Aacārya bedeutet: Jemand, der selbst etwas versteht (svayam acārati) und der es anderen unterrichtet und als Leitfaden näherbringt (anyān aacārayati). Stell dir vor, ein Lehrer sagt, daß Ärger dir ein Feind ist und wird dann selbst schnell ärgerlich, das würde bei seinen Schülern nicht greifen. Er muß verstehen, was die Shruti sagt und danach leben, damit andere nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch sein Verhalten verstehen und nachfolgen lernen. Während seiner Lehrzeit wohnt der Schüler beim Lehrer und als Zeichen der Dankbarkeit für das vermittelte Wissen dient er dem Lehrer. Dieser Gurukula-Vāsa, das Leben in der Familie des Guru, des Lehrers, schließt auf natürliche Weise eine Beteiligung an den anfallenden Arbeiten mit ein. Schauen wir im folgenden, warum das einen Wert darstellt.

Zwischen dem Shruti-Pramāna und dem Schüler ist der Lehrer als Glied der Sampradaya

Die Shruti ist das Pramāna (Werkzeug), und zwischen der Shruti und dem Schüler, der die Shruti verstehen möchte, kommt der Lehrer ins Spiel. Er vermittelt die Bedeutung der Sätze in der Shruti anhand einer bewährten Methodologie, der Sampradaya. Ohne ihn kann die Shruti nicht richtig verstanden werden. Tatsächlich wird gesagt, daß Jnāna, Wissen, ohne den Guru für Moksha ungeeignet ist, weil nicht die Shruti das Wissen vermittelt, sondern die Sampradaya. Ohne diese werden die Sätze der Shruti widersprüchlich erscheinen. Die Worte müssen von jemandem kommen, der das, was er spricht, auch tatsächlich sieht. Nur dann vermitteln sie die Bedeutung mit solcher Klarheit, daß sowohl die Person als auch die Worte verschwinden; nur die Bedeutung bleibt. Während du ein Buch liest, benutzt du deinen Intellekt, er wird zum Kartā, zum Handelnden. Aber genau dieser Kartā muß durch Wissen überwunden werden.

Dein Wille ist dabei nicht involviert

Wenn die Shruti-Pramāna arbeitet, bist du weder der Handelnde noch überhaupt der Zuhörer. Man kann es mit dem Funktionieren der Augen vergleichen: Wenn sie geöffnet sind und da ist genügend Licht und ein Objekt, dann siehst du das Objekt, ohne daß dein Wille oder ein Bewußtsein deiner Individualität da sein müssen. Es gibt hier nur das Pramāna und das Objekt. Der Wille kommt hier nicht zum Tragen. Alle unsere Sinne arbeiten auf ähnliche Weise. Sogar bei Schlußfolgerungen ist es so; sobald die Begleiterscheinungen vorliegen, findet die Schlußfolgerung statt. Wenn du nach draußen gehst und überall ist es nass, verstehst du sofort, daß es geregnet hat. Auf diese Weise funktioniert ein „Werkzeug des Wissens“. Die Shruti ist auch ein Pramāna, ein Werkzeug, aber sie wird erst verständlich, wenn jemand, der die Sampradaya kennt, sie weitergibt.

Unbedingte Shraddhā hält den Ahaṅkāra in Schach

Ein unbedingtes Vertrauen in diesen Lehrer ist Voraussetzung, denn während du mit Shraddhā zuhörst, ist dein Ahaṅkāra in Schach gehalten. Wenn der Lehrer weiß, wovon er spricht, dann kann er keinen Ahaṅkāra haben. So gibt es keine Störung bei der Anwendung des Pramāna. Der Ahaṅkāra besteht nur so lange, bis du mit der Untersuchung beginnst. In dem Moment, in dem du dich ihm zuwendest, verschwindet er wie der ungebetene Gast beim Hochzeitsfest. Er kann nur so lange bleiben, wie niemand seine Identität hinterfragt. Der Körper fühlt nicht „Ich bin der ātmā“, auch Sinnesorgane oder Verstand tun das nicht, obwohl sie alle Werkzeuge des Wissens sind. Atmā ist reines caitanya, Bewußtsein, also was ist dieser Ahaṅkāra? Ab dem Moment, wo du die Untersuchung beginnst, ist das erste Opfer der Fragende selbst. Während du zuhörst und dabei der Ahaṅkāra nicht dazwischenfunkt, negiert das Pramāna dessen Realität. Durch Shraddhā, Vertrauen in die Shāstra und den Lehrer wird diese Fähigkeit des Zuhörens frei. Das läßt den Ahaṅkāra für eine gewisse Zeit zurücktreten, was wirklich wichtig ist, denn er spielt in dieser Sache keine Rolle. Der Ahaṅkāra hat eine Aufgabe, wenn es Handlungen zu erledigen gilt; aber wenn er hier, wo er keine Aufgabe hat, dazwischen funkt, dann beeinträchtigt er das Funktionieren des Pramāna. Shraddhā schafft eine Atmosphäre, in der der Ahaṅkāra in Schach gehalten werden kann. Denn wenn der Ahaṅkāra arbeitet, verstehen wir nur das, was wir sowieso schon wissen und nicht, was das Pramāna bieten kann. Shraddhā muß hier kultiviert werden, weil es hier um ein Pramāna geht, das von außen kommen muß. Das ist anders als bei deinen Pramānas, die bereits in dir wirken und zu denen du ein natürliches Vertrauen hast. Wenn du eine Form siehst, dann stellst du nicht die Fähigkeit deiner Augen als Mittel fürs Sehen in Frage. Wenn die Form, die du wahrnimmst, verzerrt ist, dann weißt du, daß es eine Korrektur braucht, aber dennoch weißt du, daß die Augen das Mittel zum Sehen sind. Nur weil das Bild, das die Augen widergeben, verzerrt ist, wirst du nicht versuchen, es mit den Ohren zu sehen. Du hast ein unbedingtes Shraddhā in deine Augen als Mittel zum Sehen.

Dein Shraddhā für Vedānta als Pramāna ist vergleichbar mit deinem Vertrauen in die Tatsache, daß deine Augen sehen können

Weil Vedānta ein Pramāna ist, braucht es, damit es wirken kann, genau so viel Shraddhā, wie du es bei deinen Augen hast. Es geht sogar noch einen Schritt weiter. Deine Augen können, auch wenn sie keine Störungen haben, Situationen mißverstehen. Sie sehen einen blauen Himmel, der eigentlich gar nicht da ist. Oder sie können manche Dinge nicht sehen, wie zum Beispiel Mikroben, weil sie in sich begrenzt sind. Aber Vedānta ist ein Pramāna, das absolutes Shraddhā verdient, weil es den Vastu enthüllt, der sich keiner Negierung unterziehen läßt. Es spricht vom Grenzenlosen, deshalb kann es nicht verbessert werden. Und weil es sich nicht auf etwas anderes zurückführen läßt, ist es keine Meinung. Während die Wahrnehmung das grundlegene Pramāna ist, weil alle anderen Pramānas davon abhängen, ist Shabda (das gesprochene Wort) als das letzte Pramāna anzusehen. Alle anderen lenke ich; aber dieses kommt von außen. Wenn es überhaupt ein „Ich“ gibt, das die Shāstra angehört hat, dann ist es ein solches, das von Shraddhā durchdrungen ist. Die Bedeutung von Shraddhā kann nicht genug betont werden. Hier in der Gitā macht Krishna ein ganz klares Statement dazu: „Shraddhāvān labhate jnānam“, derjenige, der Shraddhā besitzt gewinnt das Wissen. Und in den Upanishaden heißt es: „ ācāryavan puruṣo veda“, derjenige, der einen Lehrer hat, weiß. Jemand der einen Lehrer hat und Shraddhā in ihn und die Shruti, der kann nicht darin scheitern, die Wahrheit der Shruti zu erkennen.

Wenn Vastu und Pramāna beide dann ohne Störung da sind und das Wissen vom Lehrer ausstrahlt, wird es vom Studenten ohne Ängstlichkeit oder Gelangweiltsein aufgenommen. Seine Liebe zum Wissen und sein tiefer Respekt für die Quelle des Wissens ist alles, was nötig ist für das Wissen. Das ist gemeint mit ācārya-upāsana. Wörtlich bedeutet es: mit dem Lehrer zu sitzen. Upāsana ist auch eine Meditation, bei der ein Objekt in den Fokus genommen wird und man durch Shraddhā ständig damit verbunden bleibt. Respekt und Liebe ergeben zusammen Shraddhā. Wenn der Respekt für ihn als Lehrer intellektuell bleibt und nicht wirklich zu ihm als Person aufgeschaut werden kann, oder wenn da nur Liebe ist, aber keine Wertschätzung seiner Vermittlung des Wissens, dann ist da kein Shraddhā. Wenn aber Shraddhā da ist, dann findet das Hereinnehmen des Wissens auf natürliche Weise statt, weil da kein Ahaṅkāra ist, der stört. Und um den Ahaṅkāra auszuschalten, brauchen wir Shraddhā. Und es ist essenziell wichtig, den Ahaṅkāra ausgeschaltet zu haben, weil das ganze Teaching darauf abzielt, den Ahaṅkāra ad absurdum zu führen, indem man seine wahre Natur, sein svarūpa, entdeckt. Das ist eine „Catch-22“-Situation. Der Ahaṅkāra muss ausgeschaltet sein, damit Wissen geschehen kann, und man braucht zunächst das Wissen, um den Ahaṅkāra auszuschalten. Dieses Problem wird völlig umgangen, indem Shraddhā hinzu kommt. Das hält den Ahaṅkāra unter Kontrolle, so daß er die Wirkung des Pramāna nicht stört, und so kann das Wissen einfach stattfinden. Danach stellst du fest, daß der Ahaṅkāra in Wirklichkeit nicht da ist, daß er Mithyā ist. 

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