Ramana Maharshi’s Gita Sarah

Your true nature is already free — Ramana Maharshi

Ramana Maharshis Gita Sarah ist eine verdichte Form der Bhagavad Gita. Ramana wurde von seinen Schülern gebeten eine Text-Auswahl aus der Bhagavad Gita zu treffen. Aus den ursprünglich 700 Versen hat er 42 davon ausgewählt. So wie die Bhagavad Gita fokussiert sich auch Gita Sarah auf Selbsterkenntnis (Sanskrit – Moksha). Sie ist eine Moksha Shastra – also ein Weg in die Befreiung des Ichs.

Letztendlich verweist Ramana Maharshi in seinen Teachings auf die letzte Wahrheit. Auf die Frage: Who am I? Also – wer bin ich? Wer ist ich? Und, die gründliche Selbsterforschung ist der Schlüssel.
Selbsterkenntnis ist nichts Theoretisches. Nichts Abstraktes. Nichts Mentales. Nichts, was du mit dem Verstand tun kannst. Es ist das unmittelbare Erforschen deiner Selbst – des Selbst – mit dem Herz. Was bleibt ist reines Sein. Das Sein die Tür in die umfassende nicht-duale Wirklichkeit. Nicht, dass du sie erreichst. Es ist ausschließlich das Sein, mit dem, was ist.

maṅgalācaraṇam 

(Der Text – wie jeder Sanskrt-Text – beginnt mit einem Mangalacaranam, der Bitte um gutes Gelingen)

pārtha sārathi rūpeṇa śrāvayitvā śubhāṃ giram ।
pārthasyārtiharo devaḥ kṛpāmūrtihsa pātu naḥ॥

Möge der Höchste Herr, der als Verkörperung des Mitgefühls Arjuna in Gestalt eines Wagenlenkers erschien und dessen Kummer linderte, indem er ihn mit Worten unterwies, die letztlich zur Selbsterkenntnis und Befreiung führten, uns alle beschützen.

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Die vier Personen, Ramana Maharshis Gītā Sarah:

Sie sind dein inneres Personal – im Streben nach Selbsterkenntnis

Die Gita spielt im Feld der Kurukshetra. Arjuna, der Königssohn und Krieger hat sich seine innere Niederlage eingestanden. Er sucht bei Śrī Kṛṣṇa Zuflucht und bittet ihn um Hilfe. Dhṛtarāṣṭraḥ, der blinde König verfolgt aus der Ferne das Geschehen und der Diener Sañjaya berichtet, was gerade geschieht.

1 Dhṛtarāṣṭraḥ (धृत: राष्ट्रः)

der blinde König. Die Bezeichnung blinder König bezieht sich hier weniger auf eine Behinderung als auf die innere Blindheit. Der Begriff Dhṛtarāṣṭraḥ setzt sich aus zwei Sanskritbegriffen zusammen. Dhṛtam bedeutet so viel wie fest, stabil, starr und rāṣṭraḥ Position, Platz bzw. Stuhl. Dhṛtarāṣṭraḥ kann von der Königswürde nicht lassen, obwohl sie ihm nicht mehr zu steht. Er hält am Königsthron, an Macht, Befehlsgewalt, Reichtum und Besitztümern fest. Er hat sich abhängig gemacht. In sich empfindet er einen großen Mangel. Jetzt entwickelt er Verlangen, die er mit Gewalt durchsetzen möchte, um seinen inneren Mangel nicht zu spüren. Er ist ein „Ragi“- ein Abhängiger, ein Bessesener, ein Süchtiger. Er ist abhängig von Menschen und Beziehungen. Und von den Besitztümern dieser Welt.

Vielleicht kennst du das? Je mehr wir uns abhängig von der Welt machen, umso armseliger und mangelhafter fühlen wir uns. Dhṛtarāṣṭraḥ ist der typische „Samsari“, der typisch weltliche Mensch. Er verliert sich in der Welt. Das findet Ausdruck im „Mir und Mein- Syndrom“. Meine Leute, mein Haus, mein Besitz, meine Frau, meine Kinder, meine Enkelkinder, mein Bankonto, mein Geschäft, mein Job, meine Idee, … wie fühlt es sich an? Solche Aussagen sollten wir nicht oft machen. Und anfangen universell zu denken. Die Blindheit ist hier symbolisch. Er hat dein Zugang zur eigenen Erhabenheit, zu seiner Göttlichkeit, Fülle verloren. Von unserer Essenz sind wir „Könige“. Und bedingt durch die Unwissenheit halten  wir uns für bedürftig und für Bettler.

Frage: bist du abhängig von Menschen, Beziehungen, Unternehmungen, deinem Job, deinem Ansehen? Hältst du an Sicherheiten fest? Kannst du die Dinge loslassen? Bist du innerlich frei? Wie bedürftig fühlst du dich? Spürst du einen inneren Mangel?

2 Śrī Kṛṣṇa

der Jagadguru; der Guru des Universums vertreibt die Unwissenheit. Er bringt Wahrheit und Einsicht in jedes Menschen Herzen. Unabhängig von Rasse, Kaste, Hautfarbe, Klasse, Geschlecht, Reichtum, Bildung, etc ist er für jeden Menschen verfügbar.  Er weiss, dass er das Göttliche in sich trägt, beziehungsweise, dass er Gott von seiner Essenz her ist. Śrī Kṛṣṇa sagt dir, dass das bezeugende Bewusstsein | kṣetrajña niemand anderes als du bist. Er repräsentiert die Göttlichkeit, die in jedem – also auch in deinem Herzen ist. Jetzt und hier. Diese Göttlichkeit ist dein Wesen. Dein Wesen ist nicht Körper, nicht Geist, nicht der Intellekt. Nicht die Persona. Dein Wesen ist die Göttlichkeit, die ewig im eigenen Herzen erstrahlt. Du wirst weder geboren noch stirbst du. Du bist zeitlos und die Göttlichkeit leuchtet im Herzen. Werde ein Schüler dieser Göttlichkeit in deinem Herzen.

Frage: Siehst du die eigene Göttlichkeit in dir? In deinem Herzen? Kannst du dich an sie hingeben? Ihr dienen? Wie verfolgst du die tiefere Wahrheit, die dich führt?

3 Sañjaya: (samyak – gut; jayaha – geboren werden)-

Als Bote ist er so inspiriert von Bhagavan Śrī Kṛṣṇas Teaching. Er kann es sofort umsetzten. Das, was sich daraus gebiert, ist siegreich zum Guten. Es dient dem Leben. Es dient allen Menschen. Er ist im Flow, hingegeben, vertrauend, in das, was sich gerade ergibt. Die Gītā ist die Quelle deines Sieges. Die Gītā und nicht das Bankkonto. Nicht die Versicherung, die Beziehung, der Status, Macht, Power, die guten Connections, etc. Die Gītā ist siegreich? Sollten wir jetzt das Bankkonto, den Job, etc. aufgeben? Nein, behalte das Bankkonto, etc. Die Bank nimmt dir sowieso das Geld weg. Also behalte es. Die Gītā ist der Anker, mit dem wir leben. Das ist der Geist der Gītā.

Frage: Wie fließt du mit dem Leben? Wie fließt das Leben durch dich hindurch? Wie inspiriert bist du? Kannst du dich dem Leben anvertrauen? Bist du im Flow? So, dass es kein Ich mehr gibt?

4 Arjuna:

ist bereit zuzuhören und sich selbst zu erkunden. Er öffnet sich und hat sich von den Vorurteilen befreit. Du und ich, wir sind Arjunas. Mit diesem offenen Geist solltest wir die Gītā studieren. Hingegeben, aus dem Moment heraus schauend. Bereit, das Gehörte wie eine Handlungsanleitung am eigenen Leib zu überprüfen. Arjuna ist der, der die Wahrheit mit seinem Herzen in seinem Herzen sucht.

Frage: bist du bereit offen zuzuhören? Zu lauschen? Ohne Einwände, „ja, aber“, Widerstände? Wie offen und verfügbar bist du?

Hier beginnt der eigentliche Text:

Ramana Gita Vers 1

Sañjaya uvāca:
Taṁ tathā kṛpayāviṣṭam | aśrupūrṇā kulekṣaṇam,
Viṣīdantam idaṁ vākyam | uvāca Madhusūdanaḥ.

सञ्जय उवाच: तं तथा कृपयाविष्टमश्रुपूर्णाकुलेक्षणम्
विषीदन्तमिदं वाक्यमुवाच मधुसूदनः) Bhagavad Gītā 2.1

Sañjaya berichtet Dhrterarastra:
Shre Krisna spricht zu Arjuna, der von Selbstmitleid besessen, die Augen mit Tränen gefüllt, in seelischer Not sich befindend, am Rande eines Zusammenbruchs war, folgende Worte

Hier geht es um Arjunas Kapitulation und um die Hingabe an einen spirituellen Lebensweg. Den Guru finden wir in unserem Herzen als die tiefere Weisheit in uns selbst.

Ramana Gita Vers 2

śrī bhagavān uvāca
idaṁ śarīraṁ kaunteya | kṣetram ityabhidhīyate
etadyo vetti taṁ prāhuḥ | kṣetrajña iti tadvidaḥ

श्री भगवानुवाच (इदं शरीरं कौन्तेय क्षेत्रमित्यभिधीयते।
एतद्यो वेत्ति तं प्राहुः क्षेत्रज्ञ इति तद्विदः॥). Bhagavad Gītā 13.1.

Shre Bhagavan sagt:
Oh Arjuna, dieser Körper wird als Feld bezeichnet. Das wissende Prinzip, das das Feld bezeugt, ist der Zeuge des Feldes, berichten Weise.

Hier geht es um Viveka – die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich dem Absoluten und dem Relativen. Shree Bhagavan Rama Maharshis Frage:  Who I am?

Ramana Gita Vers 3

kṣetrajñaṃ cāpi māṃ viddhi | sarva kṣetreṣu bhārata,
kṣetra-kṣetrajñayor jñānaṃ | yat taj jñānaṃ mataṃ mama

(क्षेत्रज्ञं चापि मां विद्धि सर्व क्षेत्रेषु भारत।
क्षेत्रक्षेत्रज्ञयोर्ज्ञानं यत्तज्ज्ञानं मतं मम॥). Source: Bhagavad Gītā 13.3

Oh Arjuna, wisse dass all die individuellen Zeugen identisch mit mit mir, dem höchsten Wesen sind. In der Unterscheidung zwischen Feld, und Zeugen des Feldes erkennt sich wahre Intelligenz.

Hier geht es um negatives Wissen, das die höchste Form von Wissen ist: Neti, Neti. In der Negation, was wir nicht sind, enthüllt sich das wahre Ich. Es ist unpersönlich und identisch mit dem Göttlichen.

Ramana Gita Vers 4

aham ātmā guḍākeśa | sarva bhūtā śayasthitaḥ ।
aham ādiśca madhyaṃ ca | bhūtānām anta eva ca ॥ 10-20

अहमात्मा गुडाकेश सर्वभूताशयस्थितः ।
अहमादिश्च मध्यं च भूतानामन्त एव च ॥ १०.२० ॥ Source: Bhagavad Gītā 10.20

Oh, Arjuna, ich bin das Selbst, das im Herzen aller Wesen wohnt. Ich bin somit der Anfang, die Mitte und auch das Ende aller Wesen.

Hier geht es um Hingabe an eine höhere Macht, an Isvara. Es gibt eine Kraft, die unser Leben bestimmt. Und an diese Kraft geben wir uns hin. Sie unseren Lebensweg. Du findest sie, wenn du über „aham ātmā“ als dein inneres Selbst meditierst. Und dich als identisch mit dem Göttlichen erkennst.

Bhagavan Shri Ramana Maharshi

3 ईश्वर अर्पितं नेच्छया कृतम् । चित्त शोधकं मुक्तिसाधकम् ।।३।।
īśvarārpitaṃ necchayā kṛtam
citta-śodhakaṃ mukti-sādhakam
Handlung, die nicht aus Verlangen heraus getan wird, sondern die Gott gewidmet ist, reinigt den Verstand. Sie ist (dadurch) ein (indirektes) Mittel zur Befreiung.

4 कायवाङ्मन: कार्यमुत्तमम् । पूजनं जपश्चिन्तनं क्रमात् ।।४।।
kāya-vāṅ-manaḥ kāryam-uttamam
pūjanaṃ japa-ścintanaṃ kramāt
Körperliche, sprachliche und mentale Handlungen, also rituelle Verehrung, Chanten und Meditation (über ihn), sind in der genannten Reihenfolge besonders zuträglich.

5 जगत ईशधी युक्तसेवनम् । अष्टमूर्तिभृद्देवपूजनम् ।।५।।
jagata īśadhī yukta sevanaṃ
aśṭa-mūrti bhṛd deva-pūjanam
Der Welt mit der Einstellung, dass sie Gott ist, zu dienen ist die Verehrung Gottes in den acht Formen, (den fünf Elementen, nämlich Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde, in der Sonne, dem Mond und den bewussten Wesen).

6 उतमस्तवा दुच्चमन्दतः । चित्तजं जप ध्यानमुत्तमम् ।।६।।
uttama-stavād-ucca-mandataḥ
cittajaṃ japa dhyānam uttamam
Verglichen mit dem lauten Singen Seines Lobes, ist es besser, seinen Namen laut, noch besser ihn murmelnd zu wiederholen. Noch besser ist Meditation in Form mentalen (stillen) Chantings.

Tempel in Tiruvannamalai

16 दृश्यवारितं चित्तमात्मनः । चित्त्व दर्शनं तत्त्वदर्शनम् ।।१६।।
dṛśya-vāritaṃ citta-mātmanaḥ
citva-darśanaṃ tattva darśanam
Der Verstand, zurückgezogen von den Wahrnehmungen, ist die Wertschätzung von Bewusstsein (der eigenen wahren Natur), was die Wertschätzung der Wahrheit ist.

17 मानसं तु किं मार्गणे कृते । नैव मानसं मार्ग अार्जवात् ।।१७।।
mānasaṃ tu kiṃ mārgaṇe kṛte
naiva mānasaṃ mārge ārjavāt
Wenn die Natur des Verstandes erforscht wird, findet man heraus, dass es tatsächlich keinen Verstand gibt, da es eine Direktheit in der Erforschung gibt.

18 वृत्तयस्त्वहं वृत्तिमाश्रिताः वृत्तयो मनो विद्धयहं मनः ।।१८।।
vṛttayastvahaṃ vṛtti-maśritaḥ
vṛttayo mano viddhayahaṃ manaḥ
Der Verstand besteht aus Gedankenformen und diese sind völlig abhängig vom Ich-Gedanken, dem Ego. Wisse, dass der Verstand das Ego ist. (Die Erforschung des Verstandes das Gleiche wie Erforschung des Ich-Gedankens).

19 अहमयंकुतोभवतिचिन्वतः । अयिपतत्यहंनिजविचारणम् ।।१९।।
ahamayaṃ kuto bhavati cinvataḥ
ayi patatyahaṃ nijavicāraṇam
Oh Suchender! Für den, der erforscht: „Von woher kommt dieses Ich?“ fällt die Ich-Vorstellung weg. Das ist Selbst-Erforschung.

27 ज्ञान वर्जिताऽज्ञानहीनचित् । ज्ञानमस्ति किं ज्ञातुमन्तरम् ।।२७।।
jñāna-varjitā-jñana-hina cit
jñānam-asti kiṃ jñātum-antaram
Bewusstsein ist Wissen, das frei ist vom Wissen (über Objekte) und Unwissenheit (über sich selbst und über Objekte). Gibt es irgendetwas anderes zu wissen?

28 किं स्वरूप मित्यात्मदर्शने । अव्ययाभवाऽपूर्णचित्सुखम् ।।२८।।
kiṃ svarūpamit-yātma darśane
avyayābhavā” pūrṇa-cit sukham
(Mit der Erforschung) „Was ist die essenzielle Natur (meiner selbst)?“, und wenn es das Wissen des Selbst gibt, dann ist da Bewusstsein (Selbst), das Seligkeit ist, immer vollkommen, ungeboren und nie abnehmend.

29 बन्धमुक्तयतीतं परं सुखम् । विन्दतीह जीवस्तु दैविकः ।।२९।।
bandha muktyatītaṃ paraṃ sukham
vindatīhajī vastu daivikaḥ
Die grenzenlose Seligkeit (die das Selbst ist), ist jenseits von Sklaverei und Befreiung. Das Einzelwesen mit göttlichen Qualitäten erreicht es in der Tat hier und jetzt (als Ergebnis der Belehrung).

30 अहमपेतकं निजविभानकम् । महदिदं तपो रमणवागियम् ।।३०।।
aham-apetakaṃ nija-vibhānakam
mahadidaṃ tapo ramaṇa vāgiyam
Die Zerstörung des Ahankara (als Ergebnis der Selbsterforschung), die zum Leuchten des Selbst führt (Erkennen des Selbst), ist in der Tat die größte Reinigung, Tapas. Dies sind die Worte (die Lehre) von Ramana.

Übersetzung ins Deutsche: Dhyana Eva und Franz Reuter.

Dank an unsere Retreat-Teilnehmer in Tiruvannamalai.

Dank an unsere Lehrer Swami Dayanada Saraswati und an Swamini Atmaprakashananda Saraswati mit ihren Vorträgen in Watford and London, UK.